Kategorie | News - Golf

Ursprung des GTI

Geschrieben am 15 Juni 2011 by andy

Seit 35 Jahren gibt es den Golf GTI. Offiziell. Seine Geschichte begann natürlich früher. Und das gar nicht offiziell. Eine Gruppe von Enthusiasten, die sich der dynamischen Seite von Volkswagen verschrieben hatte, trieb das Projekt „Sport-Golf” ab 1974 zunächst im Verborgenen voran. Federführend: Anton Konrad, damaliger Pressechef, und Alfons Löwenberg, ein Ingenieur mit Benzin um Blut…

vw golf gti

Die Idee. „Am 18. März 1974 schrieb ich eine weit gestreute Hausmitteilung – durch alle Hierarchien hinweg, wie es nun mal so meine Art ist” erinnert sich Alfons Löwenberg. Sein Anliegen: Man solle doch einmal darüber nachdenken, der Jugend ein sportliches Golf-Modell anzubieten. Löwenberg muss sich warm anziehen: Er bekommt Gegenwind zu spüren. „Was voraus zu sehen war”, sagt Anton Konrad: „Volkswagen war zur Genüge ausgelastet mit dem Anlauf seiner neuen Modellpalette. Für solch ein derart speziell anmutendes Projekt gab es seinerzeit wenig offene Ohren.” Dennoch tüftelt Löwenberg im Verborgenen weiter – an einem Aggregateträger…

Der Frühstart. Der Ingenieur pflanzt einen Weber-Doppelvergaser auf den 1.6-Liter-Motor des Golf, verpasst der Karosse einen amtlichen Sportauspuff und senkt das ganze Gefährt brachial ab. Der Komfort tendiert gegen Null. Mit dem Ding beschert er dem Volkswagen Testgelände Ehra-Lessien einen akustische Paukenschlag, wagt sich dann aber zu früh und zu weit aus der Deckung: Löwenberg lässt den Forschungsvorstand Prof. Dr. Ernst Fiala das Krawall-Auto fahren. Mit Folgen: „Hinterher brüllte Fiala in etwa so laut wie der am Golf verbaute Sportauspuff”, erzählt Löwenberg noch heute. Lachen kann man über diesen Vorfall – jetzt, 35 Jahre später. „Unfahrbar, dieses Auto!” sei Fiala’s Urteil gewesen. Der Aggregateträger stand plötzlich auf verdammt dünnem Eis. „Wir mussten die Strategie ändern, schnell”, erklärt Konrad 2011. 1974 lädt er deshalb den Entwicklungschef und Golf-Projektleiter Hermann Hablitzel, Jürgen Adler (Abteilungsleiter der Konstruktion Innenraum), Herbert Schuster (Leiter Pkw-Versuch), Horst-Dieter Schwittlinsky (Marketing) und Alfons Löwenberg ein. Konrad ist klar, dass er „die Besprechung des Projekts aus dem Unternehmen heraus holen” muss, soll eine Präsentation fruchten. Den gemütlichen Rahmen hierzu bildet sein Wohnzimmer…

Die Wahrheit. „Genau!”, wird manch einer jetzt sagen, nun kommt die Geschichte mit der Besprechung bei Bier und Schnittchen! „Das war beim Kaffee, und meine Frau hatte Kuchen gebacken”, legt Konrad Wert darauf, die bisherige Version zu korrigieren.

vw golf gti

Der Start. Klarheit zieht ein in das Projekt „Sport-Golf”. Erstmals wird ein deutlich umrissenes Ziel gesetzt: Entstehen soll ein sportliches, komfortables und alltagstaugliches Auto – kein klöternder Rennwagen. Zunächst angepeilte Stückzahl: 5.000 Exemplare als Homologationsbasis für die Zulassung zum Motorsport. „Eine zu geringe Zahl für den Vertrieb, um damit bei Umlage der Kosten Geld zu verdienen”, erinnert sich heute Horst-Dieter Schwittlinsky. „Wir wussten: Nur mit geringen Kosten durch ausschließliche Verwendung von Serienteilen ließe sich der GTI realisieren”, analysiert Herbert Schuster. Ergebnis des Treffens: Ihr Patentrezept erscheint den Beteiligten genau so schmackhaft wie der servierte Kuchen. Das Team beginnt, sich erfolgreich durchzubeißen.

Die Zutaten. Aus Kosten- und Gewichtsgründen wird das zweitürige Grundmodell des Golf zur GTI-Basis und dessen Fahrwerk der zusätzlichen Motorkraft angepasst. Schuster: „Die Vorderachse bekam einen Stabilisator sowie größere Bremssättel und innenbelüftete Bremsscheiben spendiert. 20 Millimeter kürzere Federn und entsprechende Dämpfer ließen den Golf dezent in die Tiefe sinken. Damit wurde der spätere GTI vor allem im Grenzbereich unproblematischer und blieb auch bei hohen Geschwindigkeiten komfortabel.” Recaro steuert die Sportsitze bei, das Sportlenkrad spendiert der kurz zuvor präsentierte Scirocco TS. Parallel macht die Designabteilung ein Brainstorming: Wie ein solches Auto denn am besten aussähe? „Die Farbkombination Schwarz-Rot empfanden wir damals als sehr sportlich”, berichtet Gunhild Liljequist, die seinerzeit Stoffmuster, Türverkleidungen, Innenausstattungen und später weitere Sondermodelle bei Volkswagen entwirft. Für den GTI kreiert sie das inzwischen legendäre Schottenkaro der Sitzbezüge. Einem Kollegen fällt der rot umrandete Kühlergrill ein, ihr selbst der Golfball als Schaltknauf.

Der Motor. Doch noch gibt es ein technisches Problem: „Den Kundendienst auf Weber-Doppelvergaser zu schulen, und alles wegen 5.000 Autos – völlig undenkbar!” sagt Konrad, der mitten im Projekt vom damaligen Audi Entwicklungschef Ferdinand Piëch nach Ingolstadt eingeladen wird. Anton Konrad: „Herr Piëch stellte mir den neuen Audi 80 GTE vor und fragte, ob ich eine Runde mitfahren wolle. Ich habe spontan ‚Ja’ gesagt.” Konrad ist sofort begeistert von dem 110-PS-Einspritzer und weiß: Das ist der richtige Motor fürs „Projekt”! Der von Konrad hierüber informierte Piëch entscheidet spontan: Volkswagen bekommt 5.000 GTE-Motoren für das neue Golf-Topmodell. „Damit”, so Konrad, „wussten wir: Jetzt ist das Auto komplett und kann offiziell zur Entscheidung vorgelegt werden!”

Die Entscheidung. Der Vorstandsvorsitzende Toni Schmücker wird nun von Konrad in das mittlerweile offene Geheimnis eingeweiht, das als Projekt „Sport-Golf” zur Abstimmung vorgelegt wird. Der Rest ist Geschichte: Aus ursprünglich 5.000 geplanten Golf GTI wurden bis heute nahezu 2 Millionen…



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